NETTE-LEIT-SHOW BEIM LETZTEN WAUBERG-RODEO

 

 

 

(Geschichten und Geschichte aus der 3. Kampagne)

 

(von Hansi Mikl)

 

Warum schreibt man Tagebücher ? Man schreibt sie jedenfalls nicht, damit andere sie lesen müssen, sondern vordergründig, um irgendwann sehr viel später die eigene Erinnerung neu beleben zu können, um Orte wieder zu betreten, die man längst vergessen hat, um Momente zu konservieren, die sonst im reißenden Fluss der Zeit untergehen würden und um die Überlagerungen der Tage, Wochen, Monate und Jahre fein säuberlich zu trennen. Noch dazu werden beim schriftlichen „Neuerleben“ ganz persönliche Erkenntnisvorgänge in Bewegung gesetzt, die sonst vielleicht gar nicht stattgefunden hätten.

Archäologische Grabungstagebücher (zumindest meine) kommen offensichtlich nicht ganz an Indiana Jones vorbei. So fühle ich mich am Vorabend des Grabungsstarts von den Erschwernissen des Alltags und vom Lauf der Dinge überrollt..ein wenig wie die ansehnliche Blondine namens Elsa im „letzten Kreuzzug“, die überm gähnenden Abgrund hängend verzweifelt versucht, mit der einen Hand doch noch irgendwie den Gral zu erhaschen, anstatt sich mit beiden Händen zu retten …und die dann leider auf Nimmerwiedersehen in der Tiefe verschwindet und die vielleicht unmittelbar vorm harten Aufprall registriert, dass man nicht nur alles gewinnen, sondern ganz schnell alles verlieren kann. Man(n) kann halt nicht alles haben und wenn man auf zu vielen Hochzeiten tanzt, programmiert man den eigenen Absturz voraus. „Man(n) sollte – so flüstern mir meine Teufelchen sofort  – es aber wenigstens versuchen“.  Objektiv betrachtet bleibt für ein solches Projekt zu viel von meinem Rest-Leben, meiner Energie und meinen Nerven auf der Strecke. Vernünftigerweise also sollte nach Plan A die bevorstehende dritte Grabungskampagne auf dem Wauberg, völlig unabhängig von Erfolg oder Misserfolg, zugleich auch meine letzte sein.

Dementsprechend ist diesmal schon zu Beginn etwas Nostalgie dabei. Ein Teil der Mannschaft trudelt bereits am Sonntagabend ein. Claus führt die kleine ReVe-Vorhut an und wirkt gleichermaßen müde, wie voller Tatendrang. Auch an ihm scheint das Programm der letzten Monate nicht ganz spurlos vorübergegangen zu sein. Neben Jonas, den ich schon vom vergangenen Herbst kenne, ist mit Christian ehrenamtlich ein absoluter Grabungs-Neuling mit von der Partie. Fast zeitgleich trifft mit Martin und Lilly die steirische Delegation ein. Während Lilly in jeder Hinsicht völlig unverändert erscheint, macht Martin nach seinem vorjährigen Kreuzbandriss einen sehr frischen und fitten Eindruck. Am Lagerfeuer werden spontan Würstchen gegrillt, alte Erinnerungen aufgefrischt und alle möglichen Aussichten der Grabung in voller Bandbreite in Erwägung gezogen. Gegen Mitternacht lichtet sich die Runde deutlich, Martin und ich basteln unverzagt an unseren Erwartungshaltungen herum und einigen uns am Ende auf eine Kampagne mit tollen Funden.

 

Tag 1. Montag, 30. April 2018:  Ein Slow-Food-Unterstand, eine Mauer und eine feuchtfröhliche Walpurgisnacht

 

Die etwas riskante Rechnung mit wenigstens 5 Stunden Schlaf geht nicht ganz auf, weil ein paar GTI-Piloten mit tiefergelegtem Intellekt in unmittelbarer Nachbarschaft und mitten in der Nacht schlafraubende Motorentests veranstalten, die in ihrer Geräuschkulisse ein wenig an Stalingrad erinnern. Die Idee einer selbsterklärenden Konkurrenzveranstaltung in Form eines Rasenmäher-Traktor-Motorsägen&Motorsensen-Revanchekonzerts verwerfe ich ab 3 Uhr wegen bleierner Müdigkeit. Meine Begeisterung beim viel zu frühen Klingeln des Weckers ab 6 Uhr hält sich einigermaßen in Grenzen, auch der Blick aus dem Fenster wirkt sich mit tiefhängenden Wolken nicht sonderlich erfrischend auf meine Lebensgeister aus. Die Pferde, Rinder und Ziegen interessiert das herzlich wenig, sie legen größten Wert auf ihre frühmorgendliche Futterration. Im Frühstücksraum sammelt derweil der Grabungsleiter die schriftlichen Kaffeesud-Orakel des Grabungsteams ein, wie schon 2016 versuchen sich die Teilnehmer im Früherkennen der Grabungswahrheiten. Leichte Regenschauer verzögern den Start ein wenig, ab 9 Uhr geht es mit Traktor, Anhänger, Mensch, Material und Proviant bergauf. Die Startformation besteht diesmal schlagkräftig aus Claus, Martin, Jonas, Lilly, Christian, Mirko, Andreas und dem schulfreien Mariano.

Überm Wauberg öffnet sich gerade rechtzeitig ein blaues Loch in der Wolkendecke, die ersten Aufstiege über den Zehendner dienen traditionell der umfangreichen Werkzeug-Ausstattung. Die kollegiale Beförderung der nicht nur großen, sondern auch vollen Aluminiumkiste mit Claus erfüllt dabei sogar den Tatbestand eines Fitness-Checks. Oben am Berg sind die Positionen rasch bezogen und die Aufgaben schnell verteilt: Der mittelalterliche Ofen und die Berthahütte vom 13. Mai 2016 müssen bis aufs Vlies hinunter exhumiert werden. In der Zwischenzeit setze ich mit Motorsäge, Hammer, Nägeln, einer Kunststoffplane, Mirko und Jonas einen persönlichen Verbesserungsvorschlag um, der das Grabungsteam, das Equipment und den Proviant in den kommenden Tagen vor Wind (weniger) und Regen (mehr) schützen sollte…und zimmere aus Föhrendürrlingen, verankert am waagrechten Ast einer massiven Buche, einen primitiven, aber halbwegs wasserdichten Unterstand zusammen.

Gute Taten belohnt der Herr sofort und das ab sofort nicht nur täglich, sondern auch pünktlich um 10: Mirko serviert unter dem gesunden Motto „Anappleadaykeepsthedoctoraway“ mundgerechte Apfelspalten. Mittlerweile kommen alte Bekannte langsam wieder ans Tageslicht, bis Mittag sind sowohl der Ofen, als auch die Hütte zurück in die Gegenwart geschaufelt. Kurzer Abstecher hinunter in den Alltag: Jonas und Lilly müssen dringend zu einer Baustelle nach Hermagor, Mariano kutschiert den angeschlagenen Motormäher zu einer Reparatur in die Stadt.

Schon nach der Mittagspause bin ich wieder zurück und grabe mich mit den anderen weiter durch die Zeiten. In der Berthahütte tauchen nicht allzu überraschend bronzezeitliche Scherben und eine mutmaßliche Feuerstelle auf, Martin prophezeit einen zähen, aufwändigen Grabungsverlauf.

Der Ofen-Schnitt wird nicht allzu breit, aber relativ lang nach Westen erweitert und gleich am ersten Tag schon gerate ich archäologiewettentechnisch gegen Claus mit 0:1 in Rückstand, weil in Ofennähe eine Mauer auftaucht. Der erste greif- und fotografierbare Burgmauerbefund – und das in der dritten Kampagne (!!!!) – , Claus ist begeistert, Mirko zückt die Kamera und ich denke schon über die Wahl des Sechserträgers nach. Außerdem erscheint mir diese komische Burg immer rätselhafter, denn im Aushub findet sich kaum nennenswerter Bauschutt oder gar Mörtelreste, die es aber unbedingt geben müsste, wenn hier einst eine stattliche Mauer gestanden haben sollte. Immerhin bin ich jetzt einen Sixpack ärmer und habe wieder konkrete Merkwürdigkeiten, über die ich nachdenken kann. So bleibt die Anlage, vor bald 1000 Jahren gebaut und danach als Steinbruch bis aufs Fundament geplündert, weiterhin für mein Auge und mein Gehirn unangreifbar.

Trotzdem frohes Schaffen bis 17 Uhr. Daheim am Hof warten schon ein nun funktionsfähiger Motormäher und hungrige Tiere als erwartungsvolle Verbraucher meiner Energiereserven.

Es kommt eine Walpurgisnacht, die im Frühstücksraum hinterm Kachelofen zwar nicht heller leuchtet, die sich aber mit 6 Teilnehmern und 18 Biersorten heiter und feuchtfröhlich in den 1. Mai hineinzieht. Wer will da noch ernsthaft hoffen, der Wecker könne am Tag der Arbeit ausnahmsweise später klingeln ?

 

Tag 2. Dienstag, 1. Mai 2018: Ein Knochenwürfel am Tag der Arbeit

 

Der Verdrängungsprozess endet bereits um 6 Uhr und die Müdigkeit ist nicht Fiktion, sondern Realität. Nach immerhin 4,5 Stunden Schlaf ohne Motorengeräusche spannt sich ein durchwegs hellgrauer Himmel über den 1. Mai. Santo, Lenzo, Messi und Mentos schütteln mich auf dem Weg zur Koppel gehörig durch, danach sind meine Sinne wieder halbwegs geschärft.

Für den Rest der Mannschaft endet die Arbeitslosigkeit pünktlich um 8 Uhr, mit Allrad und im Schongang geht es bergwärts. Der Vormittag entpuppt sich nicht gerade als große Herausforderung: Umfangreiche Vermessungs- und Dokumentationsarbeiten sorgen für zeitweise Leerläufe und mehr oder weniger schöpferische Foto- Apfelspalten-Gesprächs-  und Diskussionspausen. Dazwischen darf wieder zur Schaufel gegriffen oder Geduld geübt werden. Zur Verkürzung der Wartezeit denke ich sogar über Yoga nach und bin einigermaßen erleichtert, dass ich noch immer kein Smartphone besitze, mit dem ich erfolglos halbleere Minuten totschlagen könnte.

Nach der Mittagspause wird es deutlich spannender, denn direkt vorm Unterstand wird ein neuer Mittelalter-Schnitt in Angriff genommen, der mit einer Mischung aus Walderde, Buchenwurzeln und Steinen erneut wenig Greifbares in Aussicht stellt oder gar offene Fragen beantwortet, weil darunter ziemlich bald lediglich der spröde, graue Dolomit des Waubergs zum Vorschein kommt. Wenigstens finden sich ein paar Tierknochen, Scherben, Dachziegelreste und Andreas sei Dank als Tageshighlight ein klitzekleiner Knochenwürfel, den höchstwahrscheinlich ein unglücklicher Verlierer beim mittelalterlichen Glücksspiel frustriert zum Fenster hinausgeworfen hat. Das Glück war halt schon immer ein Vogerl und (zwischen)menschliche (Be)Funde beflügeln entweder die Fantasie oder befeuern die Gerüchteküche. Meinen Vorschlag, den Würfel am Abend und nach vielleicht 700- bis 800jähriger Spielunterbrechung bei einer Partie „Mensch-ärgere-dich-nicht“ wieder in Betrieb zu nehmen , lehnen die Archäologen entrüstet ab.

Zwischendurch kommen Ines und Mariano vorbei. Die behutsamen Streicheleinheiten in der Berthahütte fördern weiterhin Gebrauchskeramikreste aus der Bronzezeit zu Tage, außerdem erscheint zur willkommenen Abwechslung der eine andere kleine Artefakt aus der mittleren Kupferzeit. So wandelt man beschwingt zwischen den Zeiten und die Zeit selbst vergeht wie im Flug. Der späte Rückzug erfolgt erst gegen 17:30.

(Un)geduldig auf Nina und Johanna (Frankens next Top-Archäologinnen sollen weitere Gailtal-Kastanien aus dem Feuer holen) wartend verzögert sich das Abendessen bis zur kulinarischen Schmerzgrenze. Die rustikalen Transportkartons eines lokalen Pizzaherstellers beenden im Dutzend und 5 vor 12 das bereits beängstigend akut gewordene Hungergefühl der Ausgehungerten. Danach ist die Stimmung deutlich entspannter, tollpatschige oder dramatische Grabungsanekdoten machen die Runde. Entstehende Pausen füllt Christian mit den neuesten Weissagungen seiner Wetter-App oder alternativ mit unterhaltsamen Begebenheiten aus Theorie und psychotherapeutischer Praxis.

Je später der Abend, desto schöner die Schlagzeilen: Die Münchener Bayern verabschieden sich mit einem 2:2 bei Real in Madrid aus der Champions League. Meine eigenen Unzulänglichkeiten offenbaren sich spätestens zur Geisterstunde, denn auch diese Nacht wird zu kurz.

 

Tag 3. Mittwoch, 2. Mai 2018: Die Zehe und der Zehendner, eine Swimmingpool-Abdeckung, (k)eine weitere Mauer und ein Nachtausritt

 

Aprilgefühle bei Sonne, Wolken und Regen. Im Halbschlaf zu früher Stunde stelle ich mir gerne die eher überflüssige Frage, in welchem Land der Träume ich noch sein könnte, wäre nicht der Wauberg dazwischengekommen. Spätestens nach dem Morgentraining und beim Bepacken des Rucksacks bin ich bereit, mich für neue, gemütlichere Lebensentwürfe zu öffnen. Claus hat da ganz andere Probleme: Der Zehendner und falsches Schuhwerk haben seinen großen Zeh in Mitleidenschaft gezogen – es wartet ein eher schmerzhafter Mittwoch mit Teebaumöl und zusammengebissenen Zähnen. Dr. Christian, der Grabungsarzt, versucht sich als Spontanheiler. Johanna, Nina und Jonas müssen auf noch unbestimmte Zeit ins Tal der Gail. Trotzdem ist die Besetzung mit Christian, Martin, Mirko, Lilly, Claus und Andreas noch immer schlagkräftig genug, um einen wechselnd bewölkten Vormittag zu bewältigen.

Nach Studium der Wetterkarten könnte die hohe Regenwahrscheinlichkeit die Berthahütte jederzeit in einen prähistorischen Swimming-Pool verwandeln. Mein erster Problemlösungsansatz, ein „Abwasserkanal“ zur Hangkante hin, scheitert an den zu erwartenden Funden bzw. am Dokumentations- und Vermessungsaufwand. Plan B ist eine transportable Abdeckung aus Holzstangen und einer riesigen grünen Kunststoffplane. Mit Mirko und Motorsäge begebe ich mich auf die Suche nach geeigneten Dürrlingen und gehe damit wieder funktionellen Alltagstätigkeiten nach, die zwar wenig Spaß bereiten, aber unbedingt notwendig sind, um den Vorgeschichtsbereich auch nach Extremwetter einigermaßen trocken zu halten. Unterdessen wird in den Schnitten feingearbeitet, was wohl auch wenig Spaß bereitet.

In der Mittagspause wird nicht nur pausiert und gegessen, es wird angeregt diskutiert und dabei eine Erweiterung der Berthahütte nach Norden beschlossen, um die bereits während der 2016er-Kampagne angeschnittene Grube zur Gänze zu erfassen. Überraschenderweise erweitert sich auch die Nachmittags-Besetzung ums „Gailtal-Trio“ und der Wauberg gleicht dann einem wuselnden Ameisenhaufen: Überall Leute, überall Schauplätze. Die Berthahütten-Expansion lohnt sich sofort mit Scherbenfunden aus sämtlichen Epochen, außerdem bergen wir ein Stück eines Mauerziegels und etwas tiefer taucht im Profil so etwas wie die nächste Mauer auf….was nicht nur ein unerwarteter Befund wäre, sondern Claus bei unseren exzessiven Archäologie-Wetten ein 2:0 bescheren könnte. Noch allerdings fehlen dem ersten Verdacht das Fundament und die Eindeutigkeit und für fahrlässiges „Pitzeln“ (ein launiger Fachbegriff für Grabungs-Insider, der im Laufe der Zeit zum Modewort ausartet) zwecks Beweissuche im Profilbereich hat der vorgeschichtliche Grabungsleiter vernichtende Blicke im Repertoire.

Schlagzahlerhöhend ein weiterer Einfall der lokalen Erlebnis-Archäologie: Oben am Zisternenrand entschließt man sich, dem Verlauf einer Sandsteinplatte quer über den schmalen Wanderweg mit einem weiteren Schnitt zu folgen. Weil sich exakt dort, quasi als Sandsteinplattenhalterin, eine mittelprächtige Kiefer angesiedelt hat, ist deren Schicksal rasch besiegelt. Zum schnellen Vollstecken des Todesurteils holt man erwartungsgemäß mich und meine Motorsäge. Die Delinquentin bzw. deren Krone verfängt sich während der Hinrichtung leider etwas unglücklich in den Ästen einer benachbarten Buche, erst eine nicht sämtlichen Sicherheitsvorschriften entsprechende Kletterpartie sichert mit leichter Verspätung den Start der Grabungsarbeiten. Immerhin stimmt in diesem Bereich die Frauenquote: Nina und Johanna übernehmen die Baustelle, deren Name Programm ist: „Wuide Hehna“.

In der Zwischenzeit ist die „Knochenwürfelgrube“ endgültig vermessen (Jonas bildet überaus erfolgreich Christian zum Prismaten aus), dokumentiert und beschrieben und darf deshalb wieder unter der Erde verschwinden. Abschließend erfährt die Regenabdeckung der Berthahütte ihren ersten Praxistest, erneut werden die Felder erst nach 17 Uhr geräumt.

Einsetzender Regen erzwingt die schnelle Verlegung eines Leider-Nein-Open-Air-Grillabends hinunter in den Frühstücksraum. Später, als der Regen wieder nachlässt, und die Gespräche hinterm Kachelofen nicht in den Amazonas münden, sondern sich um Amazon drehen, stellt sich bald eine verbale Müdigkeit ein, die Gefahr läuft, im Wachkoma zu enden. Zwei sinnvolle Fluchtwege tun sich auf: Entweder ins rettende Bett…oder aufs rettende Pferd. Und so liefert ein Nachtausritt durch dunkle Wälder mit Santo, Lenzo und Nina ein erfrischendes Gefühl von schemenhafter, aber sehr (ent)spannender Gegenwart. Danach ist man einigermaßen aufgemuntert zu allen Schandtaten bereit und begibt sich mit Martin zurück in die goldenen Kupfer- und Bronzezeiten der Berthahütte, bis man sich am Ende eines 19-Stunden-Tages die Frage stellt, was wichtiger ist: Ein kürzeres Gespräch oder eine längere Nacht ?

 

 

Tag 4. Donnerstag, 3. Mai 2018: Kein Helm, viele Fragen, wenige Antworten und freie Zimmer

 

 

Waschküchenwetter mit Nebel, Sonne, Wolken und späten Gewittern. Ähnlich wie das Wetter fühlt sich auch die Müdigkeit bleiern an. Das gewohnte Morgenprogramm wird mit dem Anruf eines Journalisten und einer losen, wetterabhängigen Verabredung zu einem Besuch der Grabung aufgepeppt. Ein voller Anhänger rumpelt über die tiefen Wege und durch die dampfende Landschaft, die Aussicht vom Wauberg präsentiert sich mit locker über den Bergen hängenden Dunst- und Nebelnegligees mystisch und fotogen. Die Berthahütte hat die erste Regennacht in ihrem Ganzkörperkondom weitestgehend trocken überstanden und wird nach der Enthüllung umgehend von Martin und Lilly bearbeitet. Wenn die Normalsterblichen Pech haben, steht der Vormittag ganz im Zeichen von Dokumentation und Vermessung. Muskeln und Wirbelsäule profitieren, man beschäftigt sich mit anfallendem Kleinkram, kümmert sich ums Recycling von Apfelspalten, führt Gespräche und sucht nach Fotomotiven und ähnlichen Therapieangeboten zum Vergehen der Zeit. Christians Lieblingsplatz befindet sich offensichtlich bei den beiden Holzbänken mit dem weiten Blick ins Land. Oft sehe ich ihn dort, sinnierend, betrachtend oder fotografierend. Manchmal gesellt sich Mirko zu ihm, eine Nachkriegsseilschaft der Grabungsältesten.

Zu Mittag gibt es, wie üblich, kalte Platte, heißen Kaffee und hausgemachtes Kaffeegebäck aus privaten Hausmanufakturen. Der Nachmittag bringt sonnige Phasen und erhöhtes Verkehrsaufkommen: Der Hühnerstall wird erweitert und diese Expansion erfordert die mühsame Herausnahme eines federnden Wurzelteppichs. Vorwärts also, notwendigerweise brachial. Als ich diese Methode auch im darunterliegenden Bauschutt anwende, domestiziert mich Johanna mit lebenserwartungssenkenden, wortlosen Körpersprachen: Die nächste Mauer, erneut erbärmlich, kommt zum Vorschein. Entweder die erschütternde Arbeit eines Lehrlings, oder das Todesurteil für den Meister. Wie so oft wird auch dieser Bereich mehr Fragen aufwerfen, als beantworten.

Zurück in die Urgeschichte. Dort setzt sich die Tradition des ersten Donnerstags fort: Diesmal ist es Lilly, die eine Tonspule findet, nebenbei kommen Scherben und Tierknochen ans Tageslicht. Martin rätselt ob der diversen (un)organisierten Schichten herum und komprimiert seine Gedanken in einem Wort: Grubenhaus. Auf der aktuellen Grube jedenfalls liegen zwei massive Steinplatten, deren Sinn und Zweck die betrachtenden Gesichter mit Fragezeichen versieht. Große Aufregung währenddessen oben im Hühnerauslauf an der Zisterne….ein Metallfund im Schutt, direkt neben der Mauer. Die Form des zerknüllten Alteisens erlaubt in der Erstansprache viele Deutungen. Claus tippt auf den Knüller der Grabung in Form eines mittelalterlichen Helms. Ich mache vom Recht der Meinungsfreiheit Gebrauch und wette dagegen. Weil die feinen Spachteln das Objekt behutsam herausoperieren, irgendwann ein Stiel am Eisen auftaucht und man sich deshalb auf ein pfannenartiges Metallprodukt einigt..geht diese Runde an mich – 1:1. Für eine erfolgreiche Bergung reicht die Zeit allerdings nicht mehr. An diesem ersten Donnerstag erfolgt die Heimreise bei leichtem Sprühregen ohne jegliche Proteste und leicht notgedrungen bereits um 16Uhr15, denn ab 18 Uhr steht die Eröffnung einer neuen Sonderausstellung im Villacher Stadtmuseum auf der unbedingten To-Do-Liste.

Teile des Grabungsteams ziehen sich aufs Zimmer oder ins passive Privatleben zurück, während Ines, Claus, Lilly und Martin den Abend in „Zimmer frei“ investieren. Im Auto riecht es nach Rasierwasser, Duschgel und Parfüm, Frisuren und Wetter halten einstweilen, die leicht überhöhte Geschwindigkeit auf der langen Gerade vor Maria Gail wird mich später wohlfeile 35 Euro kosten.

Natürlich, man muss es mögen, das Leben in der Kleinstadt. Auch wenn es nicht so laut, bunt und hektisch wie in der Großstadt ist…nach intimen, ruhigen Grabungstagen oben am Berg und weit außerhalb der Öffentlichkeit empfindet man schon das Gedränge und den Gesprächsgeräuschpegel im Innenhof des Museums als akustische und visuelle Zumutung und schielt mit einem Auge nach dem Notausgang zurück in die ruhige Abgeschiedenheit der Ausgrabungen. Beengtes, aber glückliches Wiedersehen mit Mirko und Gerti auf den Unebenheiten im vorderen Bereich. Die kleine Wauberg-Abordnung findet auch diesmal Eingang in die freundlichen Begrüßungsworte, die Begleitmusik stellt mit überarbeiteten Schlager-Evergreens (Mariandl-andl-andl im Pleamle-Gwandl-wandl-andl, wenn man so will) ein leichtes Upgrade zu den unmelodiösen Römern von 2016 dar, erkennbar an vereinzelt leicht rhythmisch-drehenden Hüftbewegungen im Publikum. Zu „Zimmer frei- Die Entwicklung der „Fremdenpflege“ in Kärnten“ , den durchaus kritischen Höhen-und-Tiefen-Betrachtungen der regionalen Tourismusgeschichte, könnte ich abertausende sehr persönlicher Anekdoten aus dem Nähkästchen und unter der Gürtellinie aus ereignisreichen fünf Jahrzehnten aus dem Handgelenk und dem Langzeitgedächtnis schütteln, verzichte aber dankend darauf und finde mich und meine Familie auf sämtlichen Schautafeln wieder, obwohl wir dort gar nicht abgebildet sind. Zu den vielen Fotos ziehen ähnliche Bilder aus der Erinnerung an mir vorüber, süß-saure Sentimentalitätseinbrüche sind da kaum zu verhindern und müssen ausgehalten werden. In der Zwischenzeit haben wesentlich schlauere Leute die vorbereiteten Finger-Food-Buffets fast zur Gänze geplündert, nur ein paar belegte Brote haben das Massaker überlebt. Zum Sterben zuviel, zum Leben zuwenig. Unter den Gewölben wird, an kühle Mauern gelehnt, noch mit kleinen Bierflaschen nachbetrachtet und gesmalltalked. Claus zieht neue Aufträge an Land, ich ziehe mit der richtigen 1:2-Anzahl an Tonspulen im Archäologiewetten-Zwischenstand hauchdünn mit 2:1 am verdutzten Grabungsleiter vorbei und Mirko zieht sich ungeduldig schon etwas früher aus der Affäre, um das (von mir rechtzeitig angekündigte) Ausscheiden der Salzburger Bullenherde aus der Europa-League live zu verfolgen. Knurrende Mägen und hohle Zähne fordern unterwegs mit türkischem Fast-Food ihren Tribut in einem innenstädtischen Kebap-Stand, müde und verspätet rollen wir praktisch gleichzeitig mit einem lauten, nächtlichen Gewitter auf den Hof. Der Donnerstag wird am Ende seinem Namen gerecht und endet spät, aber gemütlich mit erwärmenden Kachelofengesprächen.

 

Tag 5. Freitag, 4. Mai 2018: Der Schöpfer des Wauberg-Laufs, eine bronzene Gewandnadel und eine Freiluft-Dusche

 

Durchwegs trüb, der Regen lässt in den Morgenstunden nach, hört bald auf und die Wolken halten aller Bedrohlichkeit und Christians Slapstick-Wetter-App zum Trotz bis weit in den Nachmittag hinein dicht. Die Pferde schlurfen mit hängenden Köpfen durch feuchte Grautöne zur morastigen Koppel. Georg, der Journalist, und Helmuth, der Fotograf, verschieben den 8-Uhr-Termin sinnvollerweise auf die kommende Woche und auch im Grabungsteam herrscht nicht gerade euphorische Aufbruchsstimmung. Liegt zum Teil wohl an der Heimreise von Nina und Johanna, die uns nach dem Frühstück in Richtung Bamberg verlassen. Leicht verspätet geht es los, im Vetterlingomobil sind bunte Regenschirme aufgespannt und der Traktor benötigt Allrad, um Mannschaft und Anhänger über die letzte schmierige Steigung zu hieven. In den Baumkronen hängen Nebelfetzen, an den Bergen tummeln sich dunkle Wolken und der seifige Zehendner sieht rotgesichtige Bergaufgeher. Zum ersten Vormittags-Highlight avanciert die behutsame Operation des Mittelalter-Spezialisten an der offenen Pfanne. Unter den gespannten Blicken der Lehrlinge löst Meister Claus mit feinem Gerät und viel Gefühl das Altmetall vom Untergrund. In der Zwischenzeit beschaffe ich unten im Dorf einen „Bergekarton“, in dem das Fundstück, eingebettet in einem Sand/Erde-Gemisch, spätestens am Abend den Weg ins Tal und zur Restauration antreten wird.

Witzige Veranstaltungen entstehen oft ganz zufällig. Weil Jonas sein Prisma unten auf dem Anhänger vergessen hat, fliegt er so schnell wie nur möglich den Hang hinunter und wieder hinauf und weil er diesen Husarenritt in 1:58 Minuten (!) absolviert, liegt er dann minutenlang nach Luft ringend auf dem Waldboden neben den Holzbänken. Nachdem ich gerade Zeit und Lust habe, liegt es in der Natur der Sache, in sportlicher Wertigkeit ebenfalls zu überprüfen, in welcher Höhe die Lorbeeren hängen. Nun ja. Zu hoch…denke ich mir direkt schon nach dem Start im Steilhang, denn es meldet sich die innere Abteilung für Prävention (=Vernunft) und diese empfiehlt dringend eine Temporeduktion wegen erhöhter Sturz- und hoher Verletzungsgefahr. Bergauf läuft dem Alternden auf dem steilen Boden der Realität weiterhin rasend die Zeit davon und oben an den Bänken fehlen Welten auf Jonas …3:20 kommen in die Wertung. Was dann unter ferner liefen (im wahrsten Sinne des Wortes) für den zweiten und trotzdem letzten Platz reicht, weil sich sonst niemand freiwillig der Herausforderung stellen möchte. Das Grabungsestablishment sieht im „Wauberg-Lauf“ eher eine hirnbefreite Challenge als so etwas wie eine humorvolle Manifestation von Geländetauglichkeit.

Wie auch immer, alle Schuster müssen zurück zu ihren Leisten. Atmosphärisch riecht es förmlich nach Regen, Vermessungs- Dokumentations- Grob- und Feinarbeiten auf allen Arealen. In der Berthahütte werden die zwei Steinplatten dokumentiert, weiterhin tauchen ständig Scherben auf. Keramik findet sich auch oben im Hühnerstall, im Ofenbereich sorgt eine sonderbare Steinansammlung für Kopfzerbrechen. Nach einigen Drohgebärden macht das Wetter schließlich ernst, bei einsetzendem Regen findet Lilly im Bereich der Steine eine bronzene Gewandnadel, die gerade noch geborgen werden kann. In Windeseile werden die Berthahütte und der Ofen überdacht bzw. eingepackt, dann öffnet der Himmel kräftig seine Schleusen. Das vorläufige Abwarten in der Notunterkunft wird bald sinnlos, am erfrischenden Gang mitten durch die kalte Dusche führt kein Weg vorbei. Unten am Traktor werden die Schirme wieder aufgespannt, dadurch entsteht ein ziemlich intensives Prasselgeräusch, welches bei den Humorvollen sogar für Heiterkeit sorgt. Andreas und Mirko gelingt knapp, aber doch die abenteuerliche Flucht im PKW, wir flatschen mit leichter Verspätung durch die Gischt und sind ab 15Uhr45 ebenfalls im Trockenen. Sämtliche Öfen werden angeworfen, bei Tee und Reindling verkommen die Strapazen schnell zur Anekdote.

Letzte Zornesfalten werden bei einem kollektiven Abendessen in der Nudelfabrik geglättet, Geschmacks- und Meinungsnuancen machen während einer Dreierkombination die heitere Runde, lediglich Andreas kommt leicht verspätet und durch einen Rohrbruch gestresst. Von meinem Stuhl aus sieht die Gegenwart mit Spaghettini in Zitronenpesto und durchwegs zufriedenen Gesichtern relativ positiv aus. Vom wahren Ernst des Lebens sind wir gerade weit genug entfernt und dieser wird sich auch später am geheizten Kachelofen nicht einstellen. Stattdessen werden bis in den Samstag hinein diverse Pesti, bronzene Gewandnadeln und vermeintliche Ideallinien am Berg entweder diskutiert oder monologisiert. Jede Uhrzeit hat ihre Existenzberechtigung, wenn sich die Arbeitswoche einstimmig verlängert.

 

Tag 6. Samstag, 5. Mai 2018: Grubenräumung und Kupferzeit unter der Burg

 

Der lange Samstag startet mit etwas Verspätung sehr human. Auch heute lässt der nächtliche Regen gerade noch rechtzeitig nach, um ab 9 eine halbwegs pünktliche Abfahrt zu ermöglichen. Jeder Tag hat seine individuelle  Bestbesetzung, die andauernd wechselt, eine Standard-Startaufstellung existiert nicht. Die unverzagte Wochenendbesetzung besteht aus Ines, Lilly, Martin, Claus, Christian und Jonas. Die Grundstimmung bleibt nebelig-dunstig-wolkig-mystisch, die sparsame Sonne zeigt sich nur ab und zu für Minutenbruchteile, aber immerhin bleibt es ganztägig trocken bei durchaus angenehmen Arbeitstemperaturen. Aus keiner Geste und aus keinem Blick könnte man ein unmotiviertes „Lohnt sich das überhaupt ?“ herauslesen, in der freiwilligen Überzeit kommt eine gewisse Unaufgeregtheit hinzu, obwohl das Arbeitsspektrum aus Vermessung, Dokumentation, Grabung und Spekulation vollzählig abgerufen wird.

Martin, Lilly und Ines räumen vor, nach und zwischen Vermessung und Dokumentation im Laufe des Tages die besagte Grube in der Berthahütte aus. Sie erbeuten zwar keine spektakulären Devotionalien aus der Frühgeschichte, aber selbst mit der nächsten Tonspule und einer Menge Scherben kann man ganz gut leben. Jonas und Christian switchen unverdrossen von einer Vermessung zur nächsten und ich bin so überall wie möglich. Beschaulich bleibt es bei Claus in dessen Ofenschnitt, nennenswert erscheint gerade einmal eine gelochte Metallscheibe, die beim Sondieren aus dem Abraum auftaucht. Unerwartet spannend wird es hingegen im Hühnerstall, wo sich eine mehrjährige Theorie innerhalb weniger Stunden in Schall und Rauch auflöst. Bislang war man (= die leitenden Archäologen) felsenfest davon überzeugt, dass auch auf dem Wauberg, mittelalterlicher Praxis entsprechend, darunterliegende Schichten planierend für den Burgbau einfach kurzerhand übern Hang geschaufelt wurden. Gute Idee zwar, weil irgendwie naheliegend, aber sie landet auf der gedanklichen Mülldeponie, denn unter dem Abraum der Burg tauchen in feinem ockerfarbigem Material kupferzeitliche Keramikreste in beachtlicher Anzahl auf. Außerdem zeigt sich eine von Rillen, Spalten und Klüften durchzogene Felsstruktur. Dafür wächst meine Vorstellung von einem uralten Siedlungsplatz immer kompakter zusammen und kann kaum mehr in Frage gestellt werden. Claus ist not really amused, Martin kommentiert die geänderten Meinungen mit einem breiten Grinsen von einem Ohr zum anderen. Irgendwie erinnern die Forschungen ein wenig an die „Dalli-Klick“-Challenge von Hans Rosenthal…um zu einem konkreten Bild und zu einer eindeutigen Diagnose zu gelangen, müsste man wahrscheinlich den ganzen Berg völlig auf den Kopf stellen. Je länger wir graben, desto mehr Fragen tauchen auf und das ständige hinterfragende Rätselraten oder zu Grabe tragen überholter Einschätzungen zählt vermutlich zu den klassischen Symptomen von Archäologie. Zwischen den offenen Spekulationen hängt jeder seinen Gedanken nach oder lenkt sich mit der nächsten Arbeit ab. Kann man keine Einigung erzielen…wird halt gewettet.

Bei allen Unwägbarkeiten gibt es auch vorhersehbare Dinge. Dass die lange Arbeitswoche um 16 Uhr ein glückliches Ende findet beispielsweise. Oder dass uns Lilly allseits schwerer Herzen in Richtung Graz verlassen muss. Ein Wiedersehen steht wie immer in den Sternen. Irgendwie, irgendwo, irgendwann auf alle Fälle. Martin besucht seine Schwester in Klagenfurt, also bleibt mit Claus, Jonas und Christian nur ein klitzekleines Überbrückungskontingent für den kläglichen Rest des Wochenendes.

Verschnaufpausen sind trotzdem nicht eingeplant: Die Tiere benötigen frisches Gras und der hohe Rasen muss dringend gemäht werden. Auch sinnvolle Alltagsarbeiten können entspannend sein, wenn sie einigermaßen ohne Zeitdruck stattfinden dürfen. Die lange Arbeitswoche endet jedenfalls gemütlich und wie so oft im Frühstücksraum, diesmal mit einer Gulaschsuppe von Ines. Die Streichfähigen streichen früh die Segel, es wartet ein langer XL-Sonntag im Dreiländereck.

 

Tag 7. Montag, 7. Mai 2018: Neue Männer, Hufschmiede, Paul, Webgewichte und Reibeplatten

 

Nach solchen Sonntagen in einen kunterbunten Montag zu starten, setzt jahrelanges Studium des eigenen Lebens und fortgeschrittene Rodeo-Qualitäten voraus. Am Vorabend hat sich das Grabungsteam bambergisch verstärkt: Günther, Samuel und Michi, außerdem Claus´ Frau Andrea. Günther kenne ich schon von der 2016er-Kampagne. Er ist einer der unaufgeregtesten Menschen, die mir in fünf Jahrzehnten über den Weg gelaufen sind. Seine meist heitere, seelenruhige Gelassenheit erscheint fast grenzenlos, nicht einmal der Aufstieg seines 1. FC Nürnberg in die Bundesliga entlockt ihm nennenswerte Emotionen. Samuel scheint da ein wenig anders gestrickt: Ein witziger Bayer (sofort am Dialekt erkennbar) mit langer Vorgeschichte, der beim Lachen nicht sparsam ist und mit seiner guten Laune neutrale Mundwinkel rasch nach oben zieht. Noch dazu hat er das Herz am richtigen, am Grünwalder Fleck. Michi macht hingegen einen eher introvertierten, aber unverschämt hemdsärmeligen Eindruck. Andrea wird mit Ines im Hintergrund kalte Platten zimmern, organisatorische Lücken schließen und mutmaßlich überall dort sein, wo gerade Not am Mann ist.

Das Montagswetter hat sich ausnahmsweise zu relativer Beständigkeit entschieden, die Sonne fräst im Laufe des Vormittags den Hochnebel weg und scheint dann fröhlich von einem wechselnd bewölkten Himmel. Anhänger (Claus, Martin, Mirko, Christian, Jonas, Günther, Samuel und Michi) und Tag sind ziemlich voll, an den Grabungsgesetzmäßigkeiten ändert sich auch mit neuer Besetzung nicht allzuviel. Meine Rolle als unrasiertes und ungeschminktes  Mädchen für alles wird leider immer konkreter. Zuerst hänge ich in Claus-Vetterling-Manier am Handy (Telefonate mit Georg, dem Journalisten meines Vertrauens, mit Paul dem Landes-Prähistoriker, mit Mirkos Frau Gerti und mit den zu erwartenden Pferdehufbearbeitern), dann muss ich zurück ins Dorf, um eben den Gitschtal-Hufschmieden bei unseren Pferden unter die Arme zu greifen und was dann vom Vormittag noch bleibt, ist mehr als überschaubar. Ungestörtes, konzentriertes Graben, welches irgendwann in einen fast meditativen Zustand münden kann, wird für mich wohl nicht mehr stattfinden.

Kurzes Comeback zur Mittagspause, um live mitzuerleben, wie Claus im Vorübergehen ein keilförmiges Webgewicht aus dem Berthahütten-Abraum zaubert. Diesmal ist es Martin, der not amused ist. Trotzdem ist es der nächste Beweis für die frühe Textilherstellung auf dem Wauberg. Fachsimpeleien und nicht ganz runde Tische im Ofenbereich. Ines und Andrea forschen mit Martin und Samuel in der Berthahütte weiter. Die mittelalterliche Expertenkommission ordnet einen großen Eingriff im zentralen Burgbereich an, dort erscheinen Funde und Befunde sehr wahrscheinlich, die etwas mehr Licht ins Dunkel der Anlage bringen sollten. Beim Entfernen der Wachstumsschicht kann ich noch behilflich sein, dann muss ich wieder bergab, um Paul mit dem Vetterlingomobil abzuholen. Pauls jahrzehntelange Erfahrungen ermöglichen eine unterhaltsame Rätselrallye mit den Grabungsleitern über sämtliche Baustellen und so nebenbei wird eine Reibplatte aus der Bronzezeit (?) ergattert. Ein weiterer Stein, auf welchen Paul nachdrücklich hinweist, entpuppt sich später und bei genauerer Betrachtung als Pochstein, der deutlich sichtbar Rechenschaft über die Metallverabeitung vor Ort ablegt. Highligh-Hotspot ist weiterhin die Berthahütten-Erweiterung, dort werden ein weiteres Webgewicht und sehr spezielle Keramikreste herausgespachtelt, während der neue Mittelalter-Schnitt vorerst außer Wurzeln, Erde, Schutt und Schweiß wenig zu bieten hat.

Am Manic- Monday werden die Handtücher etwas früher geworfen, denn Claus ist pünktlich mit Kurt, dem Villacher Museumsdirektor verabredet und auch Paul rufen akute Pflichten. Im fahrenden Register sitzen 9 Personen, größtenteils gutgelaunt. Ein bis zwei hätten vielleicht noch Platz, dann wäre die Kapazität erschöpft. Systemerhaltende Tätigkeiten und gemeinsames Abendessen. Das laue und trockene Wetter erlaubt schließlich noch ein paar behagliche Stunden draußen am Lagerfeuer. Mariano und Martin würgen und streicheln ihre Gitarren bis zur Geisterstunde.

 

Tag 8. Dienstag, 8. Mai 2018: Journalisten, Fotografen, Rillenschlegel, Rinderkiefer und ReVe-Nudelfabrik

 

Manchmal fällt es schwer, ein Verhältnis zu haben, zu sich, zu den anderen und zu den Tagesabläufen. Nachts war ich in wilden Träumen unterwegs und als es richtig spannend wird, klingelt wieder einmal der Wecker zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Wer auch immer den Dienstag geplant hat: Er hat ziemlich dick aufgetragen. Immerhin scheint oft die Sonne und es fühlt sich endlich ein wenig nach Mai an. Ab 8 transportiere ich Samuel, Günther, Jonas, Mirko und Christian zur Arbeit, um den Traktor dann umgehend zurück ins Dorf zu manövrieren: Grabungs-Bestandsaufnahme mit Georg, dem Journalisten und Helmuth, dem Fotografen. Das muntere Duo soll die Wauberg-Historien in Wort und Bild einer breiteren Öffentlichkeit präsentieren, Claus, Martin und ich moderieren und meandern durch die Jahrtausende und den selbsterlebten Lauf der Dinge seit 2015 und veranschaulichen Geschichte und Geschichten mit aktuellen Fundstücken oder berichten von gravierenden Rätseln, an deren Lösung wir bisher grandios gescheitert sind. Danach reist man gemeinsam in die tatsächliche Wirklichkeit hinein, die man zuvor nur wort- und gestenreich angedeutet hat. Die Bäume stehen Spalier und der Zehendner nimmt wenig Rücksicht auf die Debütanten. Georg notiert, Helmuth fotografiert, Claus multipliziert, Martin dividiert und fließend wird aus einer vermeintlichen Pflichtübung ein angenehmer Lokalaugenschein für alle Beteiligten. Zeitgleich geht das Grabungsleben unvermindert weiter, in allen Schnitten wird geforscht, geschaufelt, gespachtelt, gepitzelt und gepinselt. Trotz eines ernsten Krankheitsfalles in der Familie ist auch Andreas zwar gedämpft, aber mit dem gewohnten Enthusiasmus vor Ort. Das richtige Leben verteilt oft wahllos eine breite Kollektion an Emotionen und noch öfter wird man aus Paradiesen vertrieben und seiner Träume beraubt und muss sich trotzdem daran erinnern, dass es zu früh ist, die Flinte ins Korn zu werfen. Die Wauberg-Zeit von Georg und Helmuth endet erst gegen Mittag, mitten in der gleichnamigen Pause bin ich wieder zurück auf dem Gipfel.

Beim achten Versuch wird am bisher sonnigsten Nachmittag in der Berthahütte erstmals der überdimensionale Mehrzweckschirm aufgespannt. Darunter fühlt man sich zwar noch immer wie in der Sauna, erfreut sich aber an erträglicheren Arbeitsbedingungen und schönen Funden: Ein erstaunlich gut erhaltener Rinder-Kiefer (Lilly, Jonas und Samuel einigen sich auf Kalb) aus der Bronzezeit und neben 08/15-Keramikrückständen eine besonders schön verzierte Scherbe aus der Kupferzeit. Claus fördert ein rätselhaftes Gebilde aus seinem mittelalterlichen Ofen-Schnitt. Man diskutiert, ist sich nur nicht ganz sicher. Hinter vorgehaltener Hand wird vorsichtig abschätzend ein „Rillenschlegel“ in den Mund genommen. Oben im Burgkern bei Günther und Michi hingegen nur jede Schutt im hohen Kubikmeterbereich und auf dem Weg zum Mittelpunkt der Erde taucht ein Bodenbefund aus Steinen auf.

Ab 19 Uhr sind die Strapazen des Tages vergessen, Günther und Claus ziehen die XXL-Spendierhosen an und laden die gesamte Belegschaft großzügig zu einem opulenten ReVe-Abendessen in die Nudelfabrik ein. Draußen gewittert es hörbar, ganz drinnen rumort es etwas leiser spätestens nach dem dritten Gang. Zufriedenheit wirkt besonders dann nach, wenn sie allgemein ausfällt. Der verbliebene Rest-Dienstag ist Frühstücksraum-Kultur hinterm Kachelofen mit Whiskey für Torfstecher und Birnenlikör für Hartgesottene und wer nicht rechtzeitig ins Bett geht, den bestraft der Mittwoch. Goodbye Ruby Tuesday, still I´m gonna miss you. Anyway.

 

Tag 9. Mittwoch, 9. Mai 2018: Steirische Reisegruppe und Grabungsfest

 

Der Himmel ist weiterhin undicht und der nächtliche Regen lässt erst in den Morgenstunden nach. Tagsüber hat Petrus Waffenstillstand vereinbart und es bleibt deshalb zwar meist trüb, aber mit gelegentlichen sonnigen Einschlägen zumindest bis zum Abend trocken. Die umfassende Wauberg-Aussicht jedenfalls ist vorerst auf ein Minimum reduziert, Nebel und Wolken haben die Landschaft hellgrau-weiß überpinselt und die feuchten Bedingungen locken die Feuersalamander aus der Reserve und vor Christians Kamera. Altherrenvormittag in Bestbesetzung, mit gelegentlichen Abschnittsarbeiten, den gewohnten und nötigen Dokumentationsphasen, Vermessungssessions und schöpferischen Gesprächs- Foto- oder Apfelspalten-Pausen. Wenigstens die Mittagspause ist sonnig, außerdem kommt auch Andreas, mit Kaffee und Gebäck im Gepäck, um am Nachmittag zwischen den Baustellen zu zirkulieren. Den zentralen Burgschnitt teilen sich heldenhaft Günther und Michi, deren Aushub wächst und wächst, trotz Blut, Schweiß und Tränen bleibt der Output bescheiden. Spärlich sind dort die Funde und auch die Befunde sind nicht deutlich: Mauer ? Boden ? Nichts Neues im Süden….Keramik und Knochen in der Berthahütte. Ziemlich tote Hose im Ofen-Schnitt, es sei denn, man feiert eine Kalkschicht als besonders bemerkenswert ab.

Meine Verweildauer ist in letzter Zeit eh nicht von Dauer. Diesmal befördere ich eine kleine, rein berufliche Reisegruppe aus der Steiermark zum Berg: Eva und Jörg vom Bundesdenkmalamt sind in offizieller Mission unterwegs, während Georg, ein namhafter Archäologe, in den vergangenen Jahren bereits mehrere Wauberg-Expertisen abgeliefert hat, ohne jemals vor Ort gewesen zu sein. Wer es sich leicht machen will mit Beurteilungen sagt einfach: Aha. So etwas könnte bei Eva und Jörg wohl kaum passieren und deshalb entstehen speziell im Hühnerstall witzig-hitzige Fachdiskussionen, die dann wegen Materialermüdung und Zeitmangel in einer vermeintlichen Pattstellung enden. Als neutraler Beobachter sehe ich Eva nach Punkten klar vorne, mit ihr liefere ich mir dann doch lieber kurzweilige Fußball-Scharmützel und tippe im österreichischen Pokalfinale allen Ernstes auf den krassen Außenseiter Sturm Graz.

Derweil macht Georg unten in Martins vorgeschichtlicher Manufaktur Nägel mit Köpfen: Der Rillenschlegel ist selbstverständlich ein Rillenschlegel, die Pochplatte ist natürlich eine Pochplatte und gemeinsam sind sie ein mehr als herzeigbares bronzezeitliches Metallverarbeitungs-Set.  Punkt.  Selbstredend handelt es sich bei der Berthahütte um ein Grubenhaus, noch dazu um ein ziemlich umfangreiches aus der Sehenswert-Rubrik.      Rufzeichen (! ) Einverstanden, sehr sogar.

Am Ende steht ja jeder zu bereits fortgeschrittener Tageszeit in Konfrontation mit dem eigenen Stoffwechsel und empfindet Hunger und Durst nicht gerade als erstrebenswerte Bestandteile des Daseins. Mit dem traditionellen Grabungsfest soll Abhilfe geschaffen werden. Die Feier ist gut ausstaffiert: Wie immer gibt es erstklassiges Fassbier aus Franken, über der Glut bruzzeln ebenfalls spezielle Produkte aus Nordbayern, Mirko spendiert eine überdimensionierte, ziemlich spektakuläre regionale Brettljause und die Nachschub-Anchorwomen Ines und Andrea wirbeln um die Wette. Punkteabzüge gibt es nur für den Sprühregen, der uns wieder einmal in den Frühstücksraum zwingt und für den Umstand, dass Eva, Jörg und Georg viel zu früh in Richtung Osten aufbrechen müssen. Ansonsten hängt die Lärchenholzdecke größtenteils voller Geigen, Teller und Gläser leeren sich beständig, der Raum ist bis zur Oberkante gefüllt mit Gesprächen, Rezensionen, Fachsimpeleien, Zukunftsplanungen, Gegenwartsanalysen, Vergangenheitsbewältigungen, Pläneschmieden, Weichenstellungen, Dialogen und Monologen. Der spätere Abend bringt wegen der morgigen Himmelfahrt Christi ein überraschendes Comeback von Lilly, die gleich ihren Freund Clemens als Verstärkung mitgebracht hat. Kurt und Erik sind die nächsten Kandidaten auf der Abschussliste, danach verkleinert sich die Anwesenheitsliste im Zehn-Kleine-Negerlein-System, bis nur mehr der harte Kern den Anbruch des Donnerstags erlebt. Währenddessen entwurzelt der David Sturm Graz den Red-Bull-Goliath aus Salzburg. Einverstanden, sehr sogar.

 

Tag 10. Donnerstag, 10. Mai 2018: Christi Himmelfahrt, Teilnehmerrekord, Hofer-Filiale und Sondierungen

 

Früher einmal war Christi Himmelfahrt ein Feiertag. Heute wird lediglich der Start etwas benutzerfreundlicher gestaltet und erfolgt erst um 8Uhr45. Der Regen fällt praktischerweise nachts, der Rest-Donnerstag ist wechseln bewölkt mit zwischenzeitlichen Auflockerungen und erlaubt beschwingtes Graben bis zur Sch(m)erzgrenze. Das Himmelfahrtskommando stellt mit Claus, Günther, Christian, Michi, Jonas, Samuel, Lilly, Mirko, Clemens und Andreas einen neuen Rekord an Grabungsteilnehmern auf, der in die Jahre gekommene Anhänger besteht den ultimativen Belastungstest ohne Folgeschäden. Munteres Treiben in den altbekannten Arbeitsplätzen, dem deutlich erhöhten Personenaufkommen werden im Laufe des Tages sogar neue Spielplätze zur Verfügung gestellt. Mit zusätzlichen Verwandtschafts- und Familienbesuchen erinnert die Szenerie zeitweise an einen öffentlichen archäologischen Wochenmarkt, der mein Kühlwasser in den roten Frequenzbereich erhitzt. Meine eher miese Laune mündet dummerweise in eine überflüssige, aber emotionale Auseinandersetzung mit Mirko zu einem oft diskutierten benachbarten Thema. Claus reagiert prompt umsichtig und beschäftigt mich zur langsamen Blutdrucksenkung mit einer sinnvollen 50x50er-Tiefsondage an der Ofenmauer. Der kleinflächige Eingriff erweist sich als lohnende Fundgrube mit einer Vielzahl an zunächst mittelalterlichen und tiefer unten prähistorischen Keramikresten und einem beachtlichen Sortiment an Tierknochen. Andreas, der in einem früheren Leben sehr wahrscheinlich als Privatdetektiv oder Kriminalkommissar tätig war, fahndet und findet in meinem Abraum. Claus, der direkt nebenan werkelt, nimmt bei Bedarf die Bestimmung vor und schon bald stellt sich wieder konzentrierte Ruhe ein.

In der Mittagspause setze ich mich links vom Abraum ins passive Abseits, meide Gespräche und hänge lieber meinen Gedanken nach oder schicke sie auf Wanderschaft. Mit 51 sollte man entweder wissen, an welchen Schaltern man drehen muss oder wenigstens welchen Gesprächen man besser aus dem Weg gehen sollte. Erik, der Bearbeiter der sprechenden Römer-Grabsteine von 2016, besucht mit Frau und Hund die Grabungsschauplätze zwecks möglicher Drohnenbefliegbarkeit. Kopfüber endet die erfolgreiche kleine Tiefenbohrung neben dem Ofen bei  1Meter20 klaustrophobisch, dunkel und zwangsläufig, ohne das Ende der Fahnenstange bzw. den anstehenden Fels erreicht zu haben. Südlich der Zisterne eröffnen Mirko und Clemens die erste und gleichzeitig wohl letzte Hofer-Filiale auf dem Wauberg: Gesucht wird die Fortsetzung der Hühnerstall-Mauer, gefunden wird absolut gar nichts. Null. Niente. Nada. Was erstaunlich ist, aber halt nicht besonders erfreulich. Nicht viel besser läuft es nach wie vor im zentralen Burgbereich bei Günther und Michi, die unverzagt immer tiefer schürfen – ein paar Scherben, Knochen und das Überbleibsel eines Messers sind für den zu erwartenden Premium-Schnitt eine erschreckend magere Ausbeute. Tiefer gegangen wird auch im Nordbereich der Berthahütte, dort hingegen werden die Mühen praktisch permanent mit attraktiver Keramik aus der mittleren Kupferzeit (Vucedol, Stare Gmajne) belohnt. Man merkt es an den eher beiläufigen Erntemethoden von Samuel. Eine weitere kleine Sondage mitten in der Hütte bestätigt wieder einmal, dass man sich mitten in einer wilden Grubenansammlung befindet – die Zufriedenheit ist spürbar und das Bedürfnis, die Arbeit niederzulegen eher gering.

Spät erst, gegen 18 Uhr, geht es endlich bergab. Unten, in der Zivilisation warten schon Alltagstätigkeiten, Alltagsprobleme, Standard-Hamsterräder und eine kollektive kalte Platte von Andrea und Ines mitten im Frühstücksraum. Die Müdigkeit hat schon bald viele leblose Gesichter, Gespräche verlaufen eher schleppend und versanden, ehe sie spannend werden könnten. So also endet der Donnerstag, ehe der Freitag beginnt.

 

Tag 11. Freitag, 11. Mai 2018:  Begräbnisse, Kasnudeln aus der Kraftort-Küche und noch eine Bronzenadel

 

Der nächtliche Regen stört nicht unbedingt, weil er in der Früh aufhört und einen trüben Vormittag hinterlässt. Im Laufe des Tages erhellen zunehmend sonnige Abschnitte die Zielgerade. Nachdem ich mich durchs frühe Morgenprogramm gewuselt habe, laufe ich auf dem Weg zum Rucksack Claus in die Arme. Zwischen Tür und Angel ergibt sich außerhalb des harmonischen Teamgefüges ein weiteres Streitgespräch, welches zwar einige wenig schmeichelhafte, durchaus berechtigte Bemerkungen zu zwischenmenschlichen Fragestellungen liefert, ohne dabei gleich irgendwelche Standpunkte zu verschieben, aber wenigstens pünktlich zur Abfahrt weiteren Stress erzeugt und später im Hühnerstall seine Fortsetzung findet. Auch der Grabungsbeginn verläuft mit der nächsten Familien-Reisegruppe eher laut und unrhythmisch, ehe mit endlich ungestörten Arbeitsabläufen wieder ein wenig Ruhe einkehrt. Einer der Wauberg-Feuersalamander war offenbar unachtsam und ist dabei in den tiefen Burgschnitt gestürzt, ich befreie den hilflosen Schwanzlurch mit der Schaufel aus seinem mittelalterlichen Kerker. Gemeinsam mit Mirko begrabe ich nicht nur unser gestriges Kriegsbeil, sondern auch die veritable Pleite der Hofer-Filiale. Nach abschließender Foto-Dokumentation verschwindet auch der Hühnerstall wieder unter der Erde und die Schlussphase im zentralen Burgbereich, beim Badeofen und in der Berthahütte kann mit konzentrierten Kräften eingeleitet werden.

Das nächste Projekt startet am späten Vormittag und wird zum abschließenden kulinarischen Höhepunkt dreier Grabungskampagnen: Andreas hat klassische Kärntner Küche auf den Speiseplan gesetzt und im mühsamen Alleingang die Kücheneinrichtung und sämtliche Zutaten auf den Berg geschleppt: Wasserkanister, Kochtöpfe, Einweg-Geschirr und Holz-Besteck, zwei riesige Säcke mit Kärntner Nudeln, Butter. Für die rasche Umsetzung guter Ideen bin ich immer zu haben und begebe mich im feuchten Wald auf die Suche nach halbwegs trockenem Feuerholz. Auf dem östlichen Abraumhaufen der Berthahütte wird ein primitiver Ofen zusammengestellt: Zwischen zwei großen Steinen wird ein Feuer entfacht und darauf der große Topf mit Wasser gestellt, in dem schon bald Unmengen an Kärntner Nudeln herumschwimmen. Andreas überwacht als Outdoor-Chefkoch die Prozedur in aller Seelenruhe, aber mit Argusaugen. Die Übung gelingt und wird mit satter Zufriedenheit zum vollen Erfolg- keine der pikanten Kasnudeln und der süßen Kletzennudeln überlebt, mit Butter begossen, die verlängerte Mittagspause.

Weil Liebe offensichtlich durch den Magen geht, verläuft das Nachmittagsprogramm in gewohnter Harmonie, aber zunehmender Hektik, denn die Zeit läuft davon. In der Berthahütte wird teilweise sehr brachial gepitzelt, um den Nachholbedarf zu befriedigen. Vergeblich allerdings, die Latte liegt viel zu hoch und das ursprüngliche Ziel, die Arbeiten in diesem Schnitt planmäßig zu beenden…bleibt beim besten Willen unerreichbar. Freude und Trost spenden Scherben in großer Zahl und eine weitere Bronzenadel erweitert die umfangreiche Sammlung an vorgeschichtlichen Höhepunkten. Ausnahmsweise erhöhte Spannung auch im großen Burgschnitt bei Günther und Michi, ziemlich in der Mitte tut sich eine Grube auf, die ildefonsoartig mit wechselnden Asche- und Sandschichten gefüllt ist. Wieder einmal viele Fragen, breiter Raum für Spekulation und wenige Antworten. Zwischen den beiden Hotspots dreht Claus endgültig den Schlüssel im Ofenschnitt um und verabschiedet sich nachdenklich auch von der schönen, aber nicht haltbaren Zugangsweg-Theorie. Die Kalkschicht und die Steinansammlung werden rätselhaft bleiben, der Ofen wird behutsam zum zweiten und letzten Mal in Vlies gehüllt, danach findet unter großer Anteilnahme und Mithilfe die dritte Beerdigung dieses langen Freitags statt. Ziemlich oft fühle ich mich hier oben unbemerkt durch die Zeiten gezogen und nicht immer fällt es mir so unmittelbar auf wie jetzt, wenn ich noch einmal meine Werkzeuge sortiere und im Unterstand deponiere. Die Abendsonne begleitet uns wärmend und versöhnlich auf den Weg nach unten.

Dort in den Niederungen wartet, wie so oft der Alltag mit seinen Imponderabilien. Die Pferde haben wieder einmal Teile des Weidezauns zu Kleinholz verarbeitet. Weil an einer Reparatur kein Weg vorbeiführt muss ich meine Teilnahme an einem Slow-Food-Abendessen mit der Grabungsmannschaft auf dem Sternberg absagen und mache mich mit Mariano, Material und einschlägigem Werkzeug ans Werk.

Am Ende des Tages sitzen alle wiedervereint im Frühstücksraum, zwischen drohendem Abschied und präventiver Trauer scheint wohl ein kausaler Zusammenhang zu bestehen. Auflockernd wirkt da die auswertende Kaffeesudlesung der schriftlichen Wahrheitsfindungsversuche, die der Grabungsleiter zwar in gewohnter Eloquenz, aber fachlicher Strenge höchstpersönlich vornimmt. Auch bei dieser Veranstaltung bleibt mir ein zweiter Platz, erneut macht Jonas das Rennen, diesmal mit 3,5 Punkten etwas knapper, und der entscheidende Unterschied liegt in und an einem Pferdeknochen. Ironie kann noch erfrischender sein als ein Hirter 1270. Gravitätisch, aber unweigerlich geht es dem Ende entgegen: Kleine Gläser mit dunklem Gurktaler werden erhoben, auf die tollen Ergebnisse, auf das, was war und auf das, was kommt und überhaupt. Jonas und Samuel erkennen als erste den Ernst der Lage und machen sich beizeiten aus dem Staub, sie wollen schon in aller Herrgottsfrühe auf den Wauberg starten, um letzte Notwendigkeiten über die Bühne zu bringen. Der Rest verteilt wechselseitig Nachschusslorbeeren, schwelgt in Grabungs-Erinnerungen und vergisst ein wenig, dass man den Samstag besser nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte. Ende gut, alles gut ? Scheint fast so.

 

Tag 12. Samstag, 12. Mai 2018: Emotionale Abschiede und drei Sträflinge in der Berthahütte

 

Sämtliche Wettergötter und Schutzheiligen drücken noch einmal alle Augen zu und bescheren uns einen sonnigen Abschied. Beim Klingeln des Weckers sind Jonas und Samuel bereits unterwegs, der Rest der Abschiedsbesetzung folgt pünktlich ab 8: Claus, Günther, Martin, Michi, Mirko, Christian und Mariano. Die erste Fehleinschätzung unterläuft mir beim Packen des Rucksacks – wegen der vermeintlichen Leichtigkeit der Zielgeraden beschließe ich wenig Proviant, wenig Wasser, wenig Mühe und wenig Schweiß zu investieren.  Noch einmal schleppt sich die Solidargemeinschaft den Zehendner hinauf. Selbst in der Nachspielzeit wird noch dokumentiert und vermessen, die abschließenden Forschungen ziehen sich ein wenig in die Länge. Was Mariano die günstige Gelegenheit gibt, vor dem Griff zur Schaufel noch schnell die angekratzte Familienehre der Mikls wieder herzustellen: Er verbessert während der Wartezeit den Rekord beim „Wauberg-Lauf“ auf atemberaubende 1:40,77. Immerhin befinden sich jetzt zwei Mikls unter den ersten Drei. Auch in der Wetten-Challenge erhöht sich der Score zufriedenstellend: Martin gibt mir als unabhängiger Schiedsrichter den „Mauer-Punkt“ aus dem Berthahütten-Profil und die 2,50er-Tiefen-Wette kann ich ebenfalls aufs Konto buchen.

Danach wird der zentrale Burgschnitt endlich zur Bestattung freigegeben, die letzte große Teamarbeit dieser Kampagne. Am späten Vormittag leert sich der Unterstand zusehends, Werkzeuge werden verstaut, Rucksäcke befüllt, Absperrbänder eingerollt, Planen zusammengelegt und letzte Erinnerungsfotos geschossen. Die große Abschiedswelle schwappt über den Wauberg und reißt entweder mehr oder weniger emotional den Großteil der netten Leute in alle Himmelsrichtungen mit sich fort.

Für den Nachmittag und die Berthahütte ist nur mehr der harte Kern übriggeblieben: Martin, Claus und ich. Ironie kann ungemein ermüdend und anstrengend sein, denn auf der Kraftfeld-Lichtung warten gleißendhell die heißesten und sonnigsten Stunden der gesamten Grabungskampagne. Besonders intelligent, wenn man dann kaum Flüssigkeit und Proviant zur Verfügung hat und eh schon auf Reserve läuft. So wird es ein nicht weniger als dreistündiger Härte- und Charaktertest, der uns direkt an die Außengrenzen körperlicher und geistiger Erschöpfung führt. Ganz am Ende der strengen Übung entsteht zwischen den drei Sträflingen jene spezielle Verbindung, die nur ein gemeinsam überstandenes Abenteuer herstellen kann. Humor ist außerdem, wenn man trotzdem lacht. Mit dem Rest-Equipment rutschen wir auf dem Zahnfleisch nach unten. Überstanden. Beim Rodeo geht es darum, sich über die Zeit zu retten, ohne dabei vom Pferd zu fliegen.

Regeneration ist angesagt. Passenderweise bei beklemmender Gewitterstimmung unten am Strand, im böigen, auffrischenden Wind bleiben Blitz und Donner auf der gegenüberliegenden Seite des Sees hängen. Auf der Bank sitzend, mit Kaffeebecher in der Hand, wird zufrieden zurückgeblickt. Mit viel Milch hat sich der Kaffee meiner Stimmung angepasst, die Aussicht auf ein wenig Normalität ist durchaus verlockend.

 

Nacht(r)ag. 17. Mai 2018: Der letzte Mohikaner, die Popotniki und die zukünftige Vergangenheit

 

Kurzer Ausstieg aus dem Alltagsmodus, um den Bereich des Grabungsunterstands zu renaturieren und neuer Vegetation über der Berthahütte auf die Sprünge zu helfen. Wenig überraschend, weil es ja immer so ist, bin ich der letzte Mohikaner, der sich diesmal mit motorisiertem und mechanischem Abbruchwerkzeug und in Begleitung eines Heuballens zurück auf den Wauberg kämpft. Das plötzliche Alleinsein verkraftet man ganz gut, die Stille ist umfangreich. Niemand da, alle weg: Das Grabungsteam, die Feuersalamander, der Nebel und die Wolken. Die Sonne scheint von einem hellblauen Himmel, die Vögel zwitschern, nach dem Regen riecht es intensiv nach Wald und Erde. In Christian-Manier gönne ich mir ein paar Minuten am höchsten Punkt und lasse meine Gedanken mit einem Mäusebussard in luftigen Höhen um die Wette fliegen. Die Gedanken kehren schon bald auf den Boden der Tatsachen zurück, landen ganz zentral in meinem Kopf und kommen nicht an der Zukunft der Wauberg-Vergangenheit vorbei. Selbst meine engsten Berater sind zwiegespalten: Mein Großhirn sagt: Finger weg, lass es gut sein. Mein Kleinhirn sieht die Dinge zwar etwas differenzierter, will aber ebenfalls den Schlüssel umdrehen. Mein Bauch und mein Herz hingegen sind in wilder Opposition: Mach weiter, unbedingt, es ist viel zu spannend, um jetzt aufzuhören und sich später zu fragen, was gewesen wäre, wenn. Für grenzenlose Gelassenheit bin ich wahrscheinlich noch zu jung, obwohl ich mich gerade eher alt fühle.

Der engmaschige Tagesplan erfordert leider umgehend den chronologischen Auseinanderbau des Unterstandes, im kühlen Schatten der Buchen eine angenehme, robinsocrusoeartige Aufgabe. Die Stangen werden mit der Berthahütten-Überdachung einstweilen am Waldrand zwischengelagert, man weiß ja nie.

Nächster Programmpunkt ist das Begrünen der Berthahütte, die mit einem duftenden Heuteppich überzogen wird. Auf der Lichtung liegen als sichtbare Erinnerung die größten zwei Felsblöcke aus dem Grubenhaus. Nach einigen Jahrtausenden unter der Erde werden sie in Zukunft als themenbezogene Sitzgelegenheiten herhalten müssen, Zeitzeugen aus längst vergangenen Kupfer- und Bronzetagen. Andreas zu Ehren nenne ich sie „Popotniki“, die Reisenden. Schon berührend, wenn man daran denkt, dass sie einst von Menschen auf den Berg geschafft wurden, die noch nicht einmal das Rad kannten, die gerade den durchaus revolutionären Übergang vom Nomadendasein zur Sesshaftigkeit vollzogen und die sich den Wauberg  doityourself zum Hauptwohnsitz ausgebaut hatten. Ihre Hütten sind verrottet, die Töpfe nur mehr Scherben, namenlose Sippen in Niemandsländern, mit längst ausgestorbenen Sprachen und unbekannten Göttern. Es gibt keine Überlieferungen aus jenen Epochen, die weißen Wissensflecken sind weiterhin zahlreich bis grenzenlos und genau hier oben sind wir tatsächlich mittendrin auf der Suche nach Beweisen und Indizien. Die Frage nach dem tieferen Sinn unserer Arbeit sollte sich eigentlich längst erledigt haben.

Übrigens, zwecks Relation und wissenschaftlichem Wert: Der berühmteste und einzige gut erhaltene zeitgenössische Repräsentant und Werbeträger ist längst ein Weltstar und liegt tiefgekühlt mit Datumsstempel (3300 vor Christus) in Bozen. Aus der Tiefkühltruhe liefert Ötzi, die Gletschermumie aus der späten Jungsteinzeit (hierzulande auch als Kupferzeit bekannt) regelmäßig neue Schlagzeilen, wenn aktualisierte Eckdaten oder sehr persönliche Interna verkündet werden: Braune Augen, Pfeilspitze im Rücken, lokales Slow-Food als letzte Nahrung, Magengeschwür und Wachstumsstörungen, Verschleißerscheinungen am ganzen Körper, Schuhgröße 35 , 50 Kilo Kampfgewicht  verteilt auf 1Meter60, bewaffnet mit der verbesserten Version eines Kupferbeils, welches Mariano zufällig auf dem Tabor fand.

Was bleibt also ? Realisieren, dass das Graben ein andauernder Revisionsprozess ist, dem man sich stellen sollte ? Akzeptieren, dass nicht nur Sollbruchstellen brechen können ?  Eine neue Balance zwischen Gefühl und Vernunft suchen ? Ein verbessertes Sensorium für das Überleben von Grabenkämpfen entwickeln ? Rückkehr in gemütliche emotionale Mittellagen ? Oder einfach neue Schmerzgrenzen festlegen ?

Ich mag diese Unwägbarkeiten. Ehrlich.